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Orderflow erklärt: Footprint-Chart, Delta und Cumulative Delta

Brian Fürderer8. November 20266 Min. Lesezeit
Whiteboard: Footprint-Kerze im NQ mit Bid- und Ask-Volumen je Preisstufe, Bar-Delta von minus 67 und Linie des Cumulative Delta

Bildungsanbieter Die Brian Fürderer Akademie ist ein Anbieter von Aus- und Weiterbildung rund um Börse, Trading und Investment. Wir vermitteln Wissen und Methodik. Wir geben keine Anlageberatung, keine Anlagevermittlung und keine Kaufempfehlungen.

Stand der Angaben: November 2026

Auf einen Blick
  • Orderflow zeigt, wer tatsächlich gehandelt hat: aggressive Käufer (Ask) oder aggressive Verkäufer (Bid).
  • Der Footprint-Chart zerlegt jede Kerze in Preisstufen mit Bid- und Ask-Volumen.
  • Delta = Ask − Bid je Kerze, Cumulative Delta (CVD) ist die laufende Summe.
  • Aussagekräftig nur mit echten Börsendaten, etwa bei Futures wie NQ oder ES.
  • Orderflow beschreibt, was passiert ist. Es ist keine Prognose und ersetzt kein Regelwerk.

Orderflow in drei Sätzen

Orderflow ist der Strom der tatsächlich ausgeführten Kauf- und Verkaufsaufträge an einer Börse. Orderflow-Analyse zeigt dir, auf welcher Preisstufe wie viele Kontrakte gehandelt wurden und ob dabei die Käufer oder die Verkäufer aktiv in den Markt gegangen sind. Werkzeuge dafür sind vor allem der Footprint-Chart, das Delta und das Cumulative Delta (CVD).

Eine normale Kerze verdichtet fünf Minuten Handel auf vier Zahlen: Eröffnung, Hoch, Tief, Schluss. Was innerhalb dieser Spanne passiert ist, siehst du nicht. Orderflow öffnet die Kerze und zeigt dir die Geschäfte, aus denen sie entstanden ist. Das ist keine Prognose, sondern eine genauere Beschreibung dessen, was schon passiert ist. Genau so solltest du es auch einsetzen.

Wer trifft wen: Market-Order, Limit-Order, Bid und Ask

Jeder Trade an der Börse hat zwei Seiten. Eine Seite wartet mit einer Limit-Order im Orderbuch, die andere schickt eine Market-Order und nimmt diesen Preis sofort an. Die Seite, die sofort ausgeführt werden will, nennt man den Aggressor.

  • Ask-Volumen: Eine Market-Kauforder trifft auf eine wartende Verkaufsorder. Der Käufer war aggressiv, er hat den Briefkurs bezahlt.
  • Bid-Volumen: Eine Market-Verkaufsorder trifft auf eine wartende Kauforder. Der Verkäufer war aggressiv, er hat zum Geldkurs abgegeben.

Wichtig für das Verständnis: Jeder ausgeführte Kontrakt hat immer genau einen Käufer und einen Verkäufer. „Mehr Käufer als Verkäufer“ gibt es also nicht. Orderflow misst etwas anderes, nämlich wer gedrängelt hat. Die Terminbörse CME liefert in ihrem Datenstrom zu jedem Trade ein Feld für die Aggressor-Seite mit. Bei manchen Geschäften, etwa implizierten Spread-Trades, ist keine Seite als Aggressor markiert. Diese Information ist die Rohzutat für alles, was folgt.

Schaubild Orderbuch: wartende Verkaufs-Limits auf der Ask-Seite und Kauf-Limits auf der Bid-Seite, eine Market-Kauforder trifft den besten Ask (Ask-Volumen), eine Market-Verkaufsorder trifft den besten Bid (Bid-Volumen)
Die Market-Order ist der Aggressor und trifft die beste wartende Limit-Order der Gegenseite. Beispielzahlen.

Der Footprint-Chart Zeile für Zeile

Ein Footprint-Chart zerlegt jede Kerze in ihre Preisstufen. In jeder Zeile steht links das Bid-Volumen und rechts das Ask-Volumen, daher die Schreibweise Bid × Ask. Viele Programme zeigen zusätzlich das Delta je Zeile und das Gesamtvolumen. Im Nasdaq-Future NQ ist eine Zeile ein Tick, also 0,25 Indexpunkte.

Beispiel, Zahlen frei erfunden zur Veranschaulichung: eine fallende 5-Minuten-Kerze im NQ.

PreisBid × AskDeltaVolumen
21.003,5012 × 48+3660
21.003,2535 × 61+2696
21.003,0088 × 97+9185
21.002,75140 × 72−68212 (POC)
21.002,5064 × 30−3494
21.002,2541 × 18−2359
21.002,0022 × 9−1331
Summe402 × 335−67737

So liest du die Tabelle: Oben in der Kerze haben Käufer aktiv gekauft, aber in kleinen Mengen. Der meiste Handel (der Point of Control der Kerze) lief bei 21.002,75, und dort haben die Verkäufer deutlich aggressiver gehandelt als die Käufer. Unterhalb davon blieb die Verkaufsseite vorn. Zusammen ergibt das ein negatives Bar-Delta von −67 Kontrakten.

Imbalances

Viele Programme färben Zellen ein, in denen eine Seite stark überwiegt. Für eine Kauf-Imbalance wird meist das Ask-Volumen einer Stufe mit dem Bid-Volumen eine Stufe darunter verglichen (diagonal), für eine Verkaufs-Imbalance umgekehrt. Ab welchem Verhältnis eine Zelle markiert wird, stellst du selbst ein. Diese Schwelle ist eine Einstellung, keine Marktregel.

Delta und Cumulative Delta (CVD)

Delta ist die Differenz zwischen Ask-Volumen und Bid-Volumen: aggressiv gekauft minus aggressiv verkauft. Du kannst es je Preisstufe, je Kerze (Bar-Delta) oder für eine ganze Sitzung berechnen. Ein positives Delta heißt: Die Käufer waren in diesem Abschnitt aktiver. Es heißt nicht, dass der Kurs deshalb weiter steigen muss.

Cumulative Delta (auch Cumulative Volume Delta, kurz CVD) addiert die Bar-Deltas fortlaufend auf. Die Formel ist schlicht: CVD jetzt = CVD vorher + Delta der neuen Kerze. Meist beginnt die Summe mit jeder Handelssitzung wieder bei null.

Rechenbeispiel, Zahlen erfunden:

KerzeBar-DeltaCVD
1+120120
2+85205
3−40165
4+60225
5−67158

Interessant wird das CVD im Vergleich zum Preis. Steigt der Kurs auf ein neues Hoch, während das CVD kein neues Hoch mehr schafft, spricht man von einer Divergenz: Der Anstieg kam mit weniger aggressiven Käufen zustande. Das ist ein Hinweis zum Nachdenken, kein Einstiegssignal. Divergenzen können lange bestehen, ohne dass der Kurs dreht.

Warum Orderflow nur mit echten Börsendaten aussagekräftig ist

Orderflow steht und fällt mit der Datenquelle. Futures wie der NQ (E-mini Nasdaq-100) oder der ES (E-mini S&P 500) laufen über eine zentrale Börse, die CME. Jeder Kontrakt wird dort gehandelt und gemeldet. Das Volumen in deinem Footprint ist damit das Volumen des gesamten Marktes für diesen Kontrakt, inklusive Aggressor-Kennzeichnung.

Anders sieht es bei Instrumenten ohne zentrales Orderbuch aus:

  • CFDs: Ein CFD auf den Nasdaq ist ein Vertrag mit deinem Broker, kein Börsenkontrakt. Das angezeigte Volumen stammt aus dem Netz dieses Anbieters und bildet nur einen Ausschnitt ab, oft nur die Zahl der Kursänderungen (Tick-Volumen).
  • Spot-Forex: Der Devisenmarkt ist dezentral. Ein vollständiges Volumen mit Käufer- und Verkäuferseite existiert dort nicht an einer Stelle.
  • Geschätztes CVD: Manche Chartprogramme berechnen ein „CVD“ aus Kerzendaten, etwa indem das Volumen einer grünen Kerze als Kauf und das einer roten als Verkauf gezählt wird oder anhand der Schlusskurs-Lage in der Spanne. Das ist eine Näherung, kein echter Orderflow. Prüfe in der Beschreibung deines Indikators, woher die Daten kommen.

Für die Praxis heißt das: Wenn du Orderflow ernsthaft nutzen willst, schau dir die Futures selbst an, nicht einen CFD mit ähnlichem Namen. Wer über eine Prop-Firm handelt, handelt dort in der Regel genau diese Futures. Was dabei an Regeln gilt, steht in unserem Artikel zu den Apex-Regeln.

Orderflow und Volume Profile: Ort und Verhalten

Orderflow allein beantwortet eine Frage gut: Wer war gerade aktiv? Eine andere Frage beantwortet er schlecht: Ist dieser Preis überhaupt wichtig? Dafür ist das Volume Profile da. Es zeigt dir, wo sich über Tage oder Wochen das meiste Volumen gesammelt hat, wo der Markt Preise akzeptiert hat und wo er schnell durchgelaufen ist. Wie Point of Control, Value Area und Balance-Zonen entstehen, erklären wir ausführlich im Artikel zum Volume Profile Trading.

In der Akademie gehen wir dabei immer vom Großen ins Kleine. Erst der langfristige Kontext: Wo steht der Markt im Wochenchart, wo im Tageschart, und wo hat er zuletzt Preise akzeptiert, also eine Balance-Zone gebildet? Erst wenn der Kurs an so einen Bereich kommt, wird der Blick auf Volumen und Cumulative Volume Delta interessant. Auf dem Chart, mit dem Brian Märkte bespricht, laufen dafür typischerweise die EMA 20 und 50, das Volumen, das Volume Composite und das CVD nebeneinander.

Das Volume Profile sagt dir, wo es spannend wird. Der Orderflow zeigt dir, wie sich die Marktteilnehmer dort verhalten.

Ein Beispiel für den Gedankengang (keine Handelsempfehlung): Der Kurs läuft von oben an den Rand einer früheren Balance-Zone. Im Footprint siehst du dort viel aggressives Verkaufsvolumen, der Kurs fällt aber nicht weiter, und das CVD macht kein neues Tief mehr. Das ist eine Beobachtung, die du mit deinem Regelwerk abgleichst. Ob daraus ein Trade wird, entscheiden deine vorher festgelegten Bedingungen, nicht die einzelne Zahl.

Links ein Chart mit Volume Profile, der Kurs läuft von oben an den Rand einer früheren Balance-Zone; rechts Footprint mit viel Bid-Volumen und ein CVD ohne neues Tief
Das Profil zeigt den Ort, Footprint und CVD zeigen das Verhalten dort. Lernbeispiel, keine Handelsempfehlung.

Typische Fehler mit Footprint und Delta

  1. Jede Zahl lesen wollen. Ein NQ-Footprint im Minutenchart liefert hunderte Zahlen pro Stunde. Wer jede Zelle deutet, findet immer eine Begründung für das, was er ohnehin tun wollte.
  2. Orderflow ohne Ort. Ein starkes Delta mitten im Niemandsland sagt wenig. An einer Balance-Zone oder einem Hoch des Vortags kann dieselbe Zahl Bedeutung haben.
  3. Delta als Richtung missverstehen. Viel aggressives Kaufen kann an einem Widerstand von großen passiven Verkaufsorders vollständig aufgenommen werden. Dann steigt das Delta, der Kurs aber nicht.
  4. CFD- oder Schätzdaten für echten Orderflow halten. Ohne zentrale Börsendaten ist der Footprint eine Annäherung. Siehe Abschnitt oben.
  5. Schwellen ständig ändern. Imbalance-Verhältnis, Kerzengröße, CVD-Zeitraum: Wenn du diese Einstellungen nach jedem Verlusttrade anpasst, kannst du nichts mehr auswerten. Leg sie einmal fest und prüfe sie über viele Trades.
  6. Orderflow vor Risiko stellen. Kein Werkzeug ersetzt Positionsgröße, Stop und Journal. Ein gutes Signal mit zu großer Position bleibt ein schlechter Trade.

Welchen Platz Orderflow im Regelwerk hat

Orderflow ist bei uns ein Baustein, kein eigenes System. In unseren Regelwerken kombinieren wir Orderflow mit Liquidität, Ausbruchs- und Momentum-Trading. Das Fundament bleiben Trendfolge und Zonenausbrüche mit Volumen. Orderflow hilft dabei, genauer hinzusehen, wenn der Kurs an einer Zone ankommt, die du vorher schon markiert hattest.

Im Kursmodul zu Volumen und Zeitfenster gibt es dafür eine eigene Lektion zum Cumulative Volume Delta. Dort legst du selbst fest, ab welcher Abweichung zwischen Preis und CVD du überhaupt reagierst. Eine allgemeingültige Zahl dafür gibt es nicht, und eine Schwelle, die nicht aufgeschrieben ist, lässt sich nicht prüfen.

Wichtiger als jede Einstiegsfeinheit sind Risiko, Routine und Auswertung. Notiere zu jedem Trade, was der Orderflow an deinem Einstiegsort gezeigt hat, und schau nach zwanzig, fünfzig, hundert Trades nach, ob diese Beobachtung in deinem Handel tatsächlich einen Unterschied macht. Dafür eignet sich unser kostenloses Trading-Journal als Excel-Vorlage.

Apex · Das Trading-Programm

Was wir für dich tun können

Im Apex-Programm lernst du die komplette Strategie, nach der Brian und Philipp selbst handeln, und baust dir daraus dein eigenes, schriftliches Regelwerk. Ob auf dem eigenen Konto oder auf einem Futures-Prop-Firm-Konto: Der Prozess ist derselbe.

  • Märkte selbst lesen: Marktstruktur, Phasen, Volumen und die richtigen Werte, statt Signalen zu folgen.
  • Klare Wenn-Dann-Regeln für Einstieg, Stopp und Ziel, schriftlich festgehalten.
  • Kapitalerhalt zuerst: Positionsgröße und maximaler Tagesverlust stehen vorher fest. Genau das verlangen auch Prop-Firm-Regeln wie der Trailing Drawdown.
  • Begleitung durch zwei aktive Trader: ehrliches Feedback an echten Charts statt Theorie vom Blatt.
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Häufige Fragen

Was ist Orderflow?

Orderflow ist der Strom der tatsächlich ausgeführten Kauf- und Verkaufsaufträge an einer Börse. Die Orderflow-Analyse zeigt, auf welchen Preisstufen gehandelt wurde und ob Käufer oder Verkäufer dabei aktiv mit Market-Orders in den Markt gegangen sind.

Was zeigt ein Footprint-Chart?

Ein Footprint-Chart zerlegt jede Kerze in ihre Preisstufen und zeigt pro Stufe das Bid-Volumen (aggressive Verkäufe) und das Ask-Volumen (aggressive Käufe), meist ergänzt um Delta, Gesamtvolumen und den Point of Control der Kerze.

Was ist der Unterschied zwischen Delta und Cumulative Delta?

Delta ist Ask-Volumen minus Bid-Volumen für eine Preisstufe oder eine Kerze. Cumulative Delta (CVD) addiert die Deltas aller Kerzen fortlaufend auf, meist ab Beginn der Handelssitzung, und zeigt so, welche Seite über einen längeren Zeitraum aktiver war.

Funktioniert Orderflow-Trading auch mit Forex oder CFDs?

Nur eingeschränkt. Spot-Forex und CFDs haben kein zentrales Orderbuch, das angezeigte Volumen stammt vom jeweiligen Anbieter und bildet nur einen Teil des Marktes ab. Aussagekräftigen Orderflow liefern Börsenkontrakte wie die CME-Futures NQ und ES.

Brauche ich spezielle Software für Footprint-Charts?

Du brauchst eine Plattform, die Footprint-Charts darstellt, und einen Datenfeed mit echten Börsendaten. Es gibt spezialisierte Orderflow-Programme, und auch TradingView bietet einen Volume-Footprint-Chart an, dort allerdings nur in den höheren Abo-Stufen (Stand November 2026). Entscheidend ist die Datenquelle, nicht der Programmname.

Kann man mit Orderflow die Kursrichtung vorhersagen?

Nein. Orderflow beschreibt, was bereits gehandelt wurde und wer dabei aktiv war. Das hilft, die Lage an einer wichtigen Preiszone genauer einzuschätzen, sagt aber nicht voraus, wohin der Kurs als Nächstes läuft.

Risikohinweis: Der Handel mit Finanzinstrumenten ist mit Risiken verbunden und kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen. Vergangene Entwicklungen sind kein Indikator für künftige Ergebnisse.

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